Mora In meiner Arbeit beschäftige ich mit der Überlagerung von Raum, Zeit und Licht und der daraus resultierenden Transparenz. Temporäre Raum- und Flächengebilde entschleunigen die Zeit. Ich zeige den Zustand zwischen innen und außen.

Weiße Folie umschließt Bäume und Wiesen, eine dicke Nebelschicht legt sich auf die Felder und Schnee bedeckt die Landschaft. Die Natur ist in einen Mantel gehüllt. Ich lasse Folien zu fragilen Konstrukten werden, die nur temporär für die Dauer der Aufnahmen existieren. 

Die skulpturalen Raumgebilde sind ein Zusammenspiel aus Verdichtung und Auflösung, aus Nähe und Entfernung. Die Konturen der temporären Membranen sind nicht immer klar, sie verschwimmen, so dass fließende Objekte entstehen. Die Trennschichten zwischen innen und außen sind teilweise undeutlich. Eine klare Abgrenzung ist nicht mehr möglich. Obwohl die Folien teils so verdichtet sind, dass sie für Blicke von außen undurchdringlich sind, scheinen sie fragil. Äußere Einflüsse, wie etwa ein Windstoß, können sie ins Wanken bringen.

 

Mora My work focuses on moments of transparency, which are the result of interactions of space, time and light.

White foil encloses trees and fields, snow covers the landscape and a thick layer of fog lies down on the fields. Nature is coverd. Foils become fragile constructions, which only exist temporarily for the time it takes to take a picture. I show the state just between the inside and the outside - boundaries are liquid.

These ephemeral sculptures are a play of concentration and dilution, of proximity and distance. The contours of the temporary membranes are not always clear, they get blurred, creating flowing objects. The separation layers between the outside and the inside are partly unclear. A distinct separation is impossible. Even though the foils are compressed and therefore opaque, external influences like a gust of wind may shake them.

 

Dr. Fergus Wünschmann über »Mora«

Abwesenheit erzeugt Imagination. Das ist ein spontaner Reflex einer Menschheit, die Bedeutung sucht und in leeren Räumen zuvorderst Einsamkeit findet. Alle Räume – konstruierte, natürliche und erdachte – dienen dem Menschen als objektives Bezugssystem. Trotzdem erheben diese niemals Anspruch auf Objektivität, sondern unterliegen den egozentrierten Deutungsmustern des Betrachters.

Die Vorstellung von Raum – und der darin enthaltenen Lebendigkeit – ist abhängig von zufälligen Lichtverhältnissen und den damit verbundenen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Korrelation der subjektiven Empfindung und der situativen Anwesenheit erzeugt Sichtbarkeit. Eine Sichtbarkeit, die gleichzeitig auf Abwesenheit fokussiert, diese als Antrieb interpretiert und sie so nicht nur sichtbar, sondern – bezogen auf den eigenen Mythosspeicher – erlebbar macht. Jedwedem Mythos liegen nicht nur kollektive Erfahrungen sondern Hoffnungen und Wünsche zugrunde, die auch als Mangel begriffen werden können. Absolute Leere und umfassende Stille verlangen nach Strategien der Imagination, um diese aus menschlicher Sicht erträglich zu gestalten.

Es ist dieser intensive Blick auf die Grenzräume zwischen Sichtbarem und Abwesendem, der die Fotoarbeit von Jennifer Braun aus künstlerischer Perspektive erlebbar macht, obgleich das perfekte Spiel mit Technik, Licht und Bildausschnitt zuerst auf die Regeln des Fotodesigns verweisen. In diesem Spannungsfeld gelingt es, Grenzen verschwimmen und neue Grenzräume erscheinen zu lassen. Wie bei jedem Kunstwerk eine Differenz zu beobachten ist, die weder überbrückt noch re-integriert werden kann, so öffnen die Fotografien durch den Kontrast von sichtbarer und verschleierter Naturkruste einen Deutungs- und damit einen Zwischenraum, gespeist aus dem Unterschied zwischen dem, was auf der Oberfläche der einzelnen Fotografien vorhanden und dem, was nicht vorhanden ist. Die sichtbare Stille verlangt nach Bezugssystemen subjektiver Erfahrungsmuster, um sie mit Leben zu füllen. So nehmen die Fotoarbeiten als Symbolsystem auf nicht Anwesendes Bezug und füllen die Leere imaginatorisch aus. Die Referenz läuft aus dem Bild hinaus in die Welt und verwurzelt sich in der Mythenwelt des Betrachters.

Diese Ergänzung der Leerstellen ist von entscheidender Bedeutung für »Mora«. Sie erweitert den Bereich des Sichtbaren um einen unkalkulierbaren Bereich der Imagination, einer kognitiven Phantasie, die je nach Betrachtung eine andere ist. Somit trifft ein sichtbares Anwesendes auf ein differentes Anderes, das nur als Abwesenheit, als Lücke, gedacht werden kann. Der Zeitraum, der zwischen dem spontanen Gefühl der Leere und der notwendigen Transformation dieser Stille in den intellektuell fassbaren Gedanken der Abwesenheit gemessen wird, bewirkt eine Verzögerung: »Mora«.

»Mora« ist das Verweilen im Zwischenraum. Ein scheinbar zufälliges Aufeinandertreffen äußerer Einflüsse in einem ebenso zufälligen Bildausschnitt von Realität – eine Zufälligkeit, die in Wirklichkeit exakt inszeniert und damit bewusst manipuliert ist. Eine Kühle, die während des Verweilens in Wärme umschlägt. Die Melancholie, die sich mit Verzögerung in einer umfassenden Zärtlichkeit wiederfindet. Weißgefärbte Monochromie, die nach einer Weile intensive Farbkraft entfaltet. Je mehr sich Jennifer Braun hinter den Inszenierungen ihrer Fotografien zu verstecken versucht, umso mehr offenbart sie sich. In diesem Zwischenraum findet der Betrachter ein eindeutiges Angebot zum individuellen Mythentausch. Wer es annimmt, findet am Ende den Weg zurück in die eigene, umfassend erlebbare Anwesenheit.